Bonn beginnt die Saison mit einer Schweinerei. Nichts anderes ist es, was Dr. Tomas Stockmann entdeckt hat, was aber plötzlich keiner mehr wissen will. Dabei steht es doch im Laborbericht: Das Quellwasser des Kurbads ist verseucht! Verschmutzt mit Industriedreck aus den Betrieben der Stadtväter. Ein Skandal! Da muss man die Leute doch warnen, da muss man doch schnell Abhilfe schaffen. Und wenn dann die Kurgäste wegbleiben? Wer zahlt die „Mio“ für die Sanierung der Wasserleitung? Der Steuerzahler, die Gemeinschaft. Und da wird diese plötzlich ganz gemein: Entweder der „Volksfeind“ Stockmann vertuscht seine Entdeckung, oder er selber wird verleumdet, verstoßen – vernichtet.
Henrik Ibsens Drama „Ein Volksfeind“ ist ein leuchtendes Lehrstück über den Wert der Wahrheit und des einen Mutigen, der sie ausspricht. Und es ist ein listiges Lernstück, dass es leider meist zwei Wahrheiten gibt. Im besten Max-Weber’schen Sinn trifft der Gesinnungsethiker Stockmann (Aufklärung um jeden Preis) auf Verantwortungsethiker (Konsequenzen bedenken) – wobei Letztere dann doch nur aus materiellem Eigensinn argumentieren. Und am Ende selbst Überzeugungstäter Stockmann zum nur noch selbstgerechten Rächer seiner selbst gerät.
Mit dieser Ambivalenz passt das Stück ganz wunderbar in unsere wunderliche Wutbürger-Zeit. Und wie es Lukas Langhoff am Theater Bonn inszeniert, passt es umso trefflicher an diesen Ort: In den Kammerspielen in Bad (!) Godesberg fällt nicht nur mal das kommunale Reizwort „World Congress Center“ – ein blamabel gescheitertes Bauvorhaben der Stadt, für das nun die Bürger die Zeche zahlen, nicht zuletzt mit Kürzungen beim Theater (SZ vom 16. 6.) –, am Ende schickt Langhoff den städtischen Großinvestor Morten Kiil als riesiges Bonner Haribo-Gummibärchen auf die Bühne, um Stockmann mit einem letzten schmutzigen Deal mundtot zu machen.
Dieser Stockmann, bereits bei Ibsen ein Zugezogener, tänzelte in Person des gebürtigen Afrofranzosen Falilou Seck zwei Stunden zuvor noch als Vorzeige-Neger – pardon, ein bisschen Spaß muss sein – im Paillettenfrack herein, amüsiert beklatscht. Der Volksfeind als Volksfreund, solange er der harmlose Entertainer bleibt. Die Hautfarbe des Hauptdarstellers wird nie explizit zum Thema, ist aber gerade dadurch ein bewusstes Signal: Willkommen im Heute.
Dieser Bonner „Volksfeind“ ist ein deutsch-deutsches Revolutionsdrama mit Migrationshintergrund. Langhoff aktualisiert das norwegische Einzelschicksalsstück zu einer politischen Gesellschaftsdiagnose unseres Landes, über 80 Jahre hinweg. Scharf und spaßig.
Die feigen Möchtegernrevoluzzer vom „Volksboten“ sind mit ihrer von Ines Burisch kostümierten Vokuhila-Pracht schnurrbärtige Reminiszenzen an alte Studentenproteste, während Stockmanns tapfere Tochter Petra mit Pionierhalsband gern mal ein Brecht’sches Arbeiterkampflied singt oder sich in Attac-Pose mit Tocotronic gegen die Saturiertheit der Elterngeneration stemmt: „Ich mag’s, wenn sich die Wut entfacht.“ Die Saturiertheit, die Wut und die Saturiertheit der Wut sind Langhoffs Themen. Lustvoll lässt er Stockmanns Ehefrau das Wort „Rinderbraten“ ins Mikro hauchen, als wäre das die Erfüllung allen Daseins. Ibsen hat schließlich auch eine Typenkomödie geschrieben. So comicartig Marleen Lohse ihre Petra aber auch gegen die Bourgeoisie ankrächzen lässt, so breit bairisch Simon Brusis den Verleger Aslaksen zum Dimpflmoseraltkader aufkrempelt, so formvollendet Konstantin Lindhorst den Redakteur Hovstad Lippenbekenntnisse abspeicheln lässt, so honigweich Stefan Preiss den Bürgermeister zum Jovialrhetoriker aufputzt – der Ernst der Lage tritt immer wieder hervor. Langhoff zeigt perfektes Timing.
Wie Falilou Seck als Stockmann gegen das Unrecht agiert, berührt spätestens, als ihn nur noch Frau und Kinder anhören. Jele Brückners Gattin schwankt stetig zwischen Selbstbehauptung und selbstloser Unterstützung für ihren immer isolierteren Mann. „Der schlimmste Feind der Wahrheit und der Freiheit“, zürnt er, „ist die liberale Mehrheit“. Es ist Secks unaffektiertem Spiel anzurechnen, dass man der rhetorischen Spur willig folgt. Bis der Eifer in Elite-Fanatismus kippt, wie man ihn auch von den Nazis oder dem norwegischen Terroristen Breivik kennt: „Soll doch diese ganze Nation ausgerottet werden!“ Stockmann, der selbsternannte Übermensch, klammert sich an den Fußsockel eines riesigen Standbilds, das Regina Fraas hereinschweben lässt. Aber er ist längst aus der Gesellschaft gekickt. Arbeitslos, mittellos. Mit seiner Familie flieht er ans selbsttrügerische Plastiklagerfeuer nebst DDR-Flagge. Benebelt besingen sie das Ende des Kapitalismus.
Alte und neue Linke und Rechte, großes und kleines Bürgertum, all deren vollmundige und schmallippige Weltvisionen treten in dieser Inszenierung auf – und schließlich gescheitert ab. Verkörpert von ausnahmslos tollen Schauspielern, präsentiert als Seitenhieb auf ein Volk, das selbst in der Wut noch Bürger bleibt. ’68, ’89, 2010: Was ist aus unserer Revolution (und ihren Revolutionären) geworden? Langhoffs Antwort, clever aus Ibsens Drama entwickelt, ist desillusioniert, vielleicht nicht völlig neu, aber sehr unterhaltsam. Und das Bonner Theater zeigt sich nicht nur politisch, auch künstlerisch auf der Höhe der Zeit.
Die Freiheit, zu sagen, was man denkt, die Ibsens Stockmann verteidigen will, wird andernorts zurzeit sehr schmerzvoll erkämpft. „Der entfesselte Fidelio oder Das Blut der Freiheit“ verweist als zweite Eröffnungspremiere auf die arabischen Revolutionen. Auch wenn man auf einem szenischen Parcours durch die sehr hiesige Baracke des ehemaligen Bonner Polizeipräsidiums wandelt.
Intendant Klaus Weise, der wegen der Etatstreichung 2013 die Stadt verlässt, spürt hier im großen Stil on location dem Preis der Selbstbestimmung nach. Dabei entstehen suggestive Bilder, wenn Autos durch die finstere Tiefgarage kurven, zu Beethovens „Fidelio“ Videos von Freiheitskämpfen projizierend. Im verwahrlosten Innenhof verweist eine Schafherde auf den kleinen Schritt zurück ins zivilisatorische Entwicklungsland. Den gespenstischen Tatort in der ehemaligen Hausmeisterwohnung würde man gern noch länger inspizieren. Und wenn der Musiker FM Einheit im Zellentrakt Texte über Kairo und Lampedusa mit Eisenschlägen mixt, versteht man leider nur die Hälfte. Von diesem Dutzend Stationen, an dem man in neunzig Minuten vorbei eilt, bleibt nur ein diffuser Nachhall von Freiheit in all ihren Facetten.
„Es lebe die Freiheit, besonders die meine“, lässt Langhoff im „Volksfeind“ kalauern. Da hat er nicht nur die Lacher auf seiner Seite.
(Süddeutsche Zeitung, 28. September 2011, S. 14)
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